Rezensionen
Bund
19.4.1986
Wiener Tagebuch 7.8.86
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LNN 9.8.86 (.gif 80 KB)

Bund
19.4.1986/ C.C.
Auf der Suche nach Schletti und anderem
Schletti.
Wer ist Schletti? Schletti ist oder war - wenn man Hans Rudolf Hess
glauben darf. doch das ist nciht sicher - ein Bücherantiquar, der
eines Tages, ein Buch zu holen für einen Kunden hinter oder in
einem seiner Regale verschwand, und nie wieder ward er gesehen. Ein
Journalist ist angesetzt worden auf diese sonderbare Geschichte.
Und jetzt? Erfahren wir, was es mit Schlettis Verschwinden und seinem
Leben davor für eine Bewandtnis hat? Keine Spur. Hans Rudolf Hess
führt uns vielmehr an der Nase herum, dahin und dorthin, wohin
immer er will, nur just zu Schletti bringt er uns nicht.
Oder man könnte auch sagen, Hess macht seine Leser mit List und
Lust zu Kulissenschiebern. Schletti Antiquariat mit seinen Büchergestellen
wäre beispielsweise so eine Kulisse. Man schiebt sie weg, um zu
sehen, was an Wirklichem und Tatsächlichem, an Faktischem und Handgreiflichem
dahinterliegt. Und was ist es? Eine andere Kulisse, ebenso künstlich
und wackelig wie die erste, und wie die erste verstellt sie uns den
Blick - wir schieben weiter, wir stossen weiter. Was wir zu sehen bekommen
ist nie das, was wir zu sehen erwarteten, zu sehen erhofften. Denn schliesslich,
Schlettis Verschwinden beschäftigt uns ja.
Auch ist es nicht so, dass Hess, der Autor, uns geradeheraus erzählt,
was es zu erzählen geben könnte. Vielmehr erzählt er
uns um sieben Ränke herum das, was der auf Schlettis Spur gesetzte
Journalist an einem Bahnhofwirtschaftstisch ihm, dem Autor, erzählt
hat, was etwa Schlettis Freundin, Schlettis Bruder ihrerseits ihm erzählt
hatten...
Und das ist allerhand. Nur: Schlettis Verschwinden wird dadurch nciht
aufgeklärt. Dafür geraten wir, beispielsweise, über die
Erzählungen, die den Journalisten erzählt worden sind, der
sie dem Autor weitererzählt, der sie dem Leser erzählt - geraten
wir, sage ich, auf beängstigende Weise in eine Strassendemonstration
und in die gewaltige Gegenattacke der Polizei hinein, und auch sonst
noch bekommen wir es - das heisst natürlich nicht wir, sondern
der oder die, die es erzählt haben - mit der Polizei und weiterem
städtischem und zeitgenössischem Ungemach zu tun. Also setzt
uns Hess, der Autor, Geschichten vor, die herzlich wenig mit der Sache,
Schlettis Verschwinden somit, zu tun haben; er foutiert sich nciht nur
um unsere Erwartungen, sondern missbraucht sie geradezu systematisch
und mit Genuss. Am Ende befinden wir uns, ohne dass wir das erwarteten,
geschweige denn wollten, in einer Lebensstimmung des Missbehagens, der
Versuchung zum Rückzug aus aller schönen Ordentlichkeit, der
Neigung zum Absprung ins Chaotische. Das ist vermutlich genau das, was
Hess mit seinem Buch wollte.
Nur: Wer Schletti war, was mit ihm geschah, wissen wir nach wie vor
nicht. Aber wer Hans Rudolf Hess ist, erfahren wir wenigstens durch
die Lektüre und dank den Angaben auf der Rückseite ungefähr:
1958 geboren ist er, Antiquar in Bern ist er, auch, wie es heisst, "Anarchist"
und "Aikidoka" (also Anhänger einer gewaltlosen Selbstverteidigungsart),
und jetzt eben auch Autor - Autor eines Erstlingsbuches, und dies so
geschickt und einfallsreich, dass uns die ganze vergebliche Kulissenschieberei
nicht nur nicht geärgert, sondern vielmehr richtig Spass gemacht
hat.