Zihlmann .:. Wie sie heimgingen

155605
Zihlmann, Josef, Wie sie heimgingen. Hitzkirch 1982.
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Beschreibung
Zihlmann, Josef,
Wie sie heimgingen. Hitzkirch: Comenius, 1982. 127 Seiten mit Abbildungen. Pappband (gebunden). 290 g
* Widmung des Verfassers auf dem Vortitelblatt. Illustrationen von Peter Nussbaumer.
Bestell-Nr.155605 | ISBN: 978-3-905286-03-8
Zihlmann | Helvetica | Schweiz | Lucernensia | Ethnologie | Voelkerkunde | Sterben | Totenkult | Autographen | Widmungsexemplar | Totenkult

Was vorauszusagen ist
Die Menschen sterben heute in den Spitälern. Oft ist niemand zugegen als eine weissgekleidete Schwester, die dem Sterbenden Trostworte zuflüstert und ihm die Augen zudrückt. Fast alles andere ist Formsache und Organisation: das Totenhemd, der Sarg, amtliche Bescheinigungen, Transport, Aufbahrung in der Leichenhalle. Eines nach dem andern. Es gibt im Normalfall keine schicklichen Fristen mehr, kaum noch pietätvolles Warten. Es drängt; heute schon sterben andere.
Es wird nicht mehr lange währen, da wird kein Mensch mehr wissen, dass das einmal ganz anders war. Die neue Zeit hat aufgeräumt mit Dingen, die noch vor wenigen Jahrzehnten als geheiligte Güter mitten in jener Zeitspanne standen, da ein Mensch sich vom Diesseits verabschiedete. Was geblieben ist, sind einige Tränen, wenig Trost und grosse Verlassenheit. Über dem frischen Grabhügel wölbt sich ein Berg: eine Menge von Kränzen und Blumengebinden, meist sogar eine Unmenge, hingelegt aus beklemmender Verlegenheit, im Bedürfnis, sein eigenes Gewissen zu beruhigen, einige Gebinde sicher auch aus schmerzerfüllter Hingabe an einen geliebten Menschen, andere formell deponiert und wohlversehen mit der Adresse des Absenders. Aber die Blumen welken rasch, und die Kehrichtdeponie ist nicht weit. Fast ist man in Versuchung zu sagen: So wird heute gestorben.
Das hört sich beinahe an wie die Stimme eines Menschen, dem die Zeit davongelaufen ist. Ich weiss: der Volkskundler darf die brauchtümlichen Dinge nicht werten. Aber ich möchte hier, da vom Sterben die Rede ist, einmal nicht nur Volkskundler sein, sondern ganz einfach auch Sterblicher, der alles, wovon hier gesprochen wird, mitangesehen hat. Von Resignation kann dabei keine Rede sein. Ich möchte die letzten Dinge eines Menschen, sein Verhältnis zu den Seinen, aber auch der Seinen zu ihm, ja sogar die Beziehung eines Menschen zum Tode, so darstellen, wie ich sie empfunden habe. Und empfunden habe ich als Mensch natürlicherweise so, wie es die Verhältnisse um mich seit meiner frühen Jugend hergaben.
Als ältestes Kind eines Pfarrsigristen — 1914 geboren — war ich eingebettet in das katholische Leben einer grossen Pfarrei im Luzerner Hinterländer Napfgebiet. Dabei stand ich täglich im Spannungsfeld zwischen amtskirchlicher Forderung und volkskatholischer Brauchtümlichkeit. Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich schon früh manches, was sich da in diesem religiösen Sosein einer katholischen Landgemeinde als Menschliches und Allzumenschliches formalistisch und oft sogar schmarotzerhaft eingenistet hatte, als Last empfunden habe. Aber ich stehe in Schweigen vor den letzten Dingen eines Menschen, dem seine Kirche doch unsäglich viel Trost darzubieten hat. Und mit nicht minder grosser Ehrfurcht erinnere ich mich an die damals selbstverständliche Tatsache, dass die Menschen im Tode von den Ihren umgeben waren.

Für den volkskundlich interessierten Leser: Was in dieser Arbeit beschrieben wird, ist zeitlich gültig für die 1920er Jahre, örtlich für das unmittelbare Napfgebiet des Luzerner Hinterlandes.
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