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Muschg .:. Gotthelf

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Muschg, Walter, Gotthelf. Die Geheimnisse des Erzählens. München 1931.
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Description
Muschg, Walter,
Gotthelf. Die Geheimnisse des Erzählens. München: C. H. Beck, 1931. IX, 569 Seiten mit Register. Leinen mit Farbkopfschnitt. Grossoktav. 229 x 150 mm. 926 g
* Gebräunt, Exlibris auf dem Innendeckel, Widmung auf dem Vortitelblatt
Bestell-Nr.158029
Muschg | Biographien Literatur | Literaturgeschichte | Sekundaerliteratur Gotthelf | Germanistik

VORWORT
Jeremias Gotthelf steht in großer Ferne hinter den Gestalten, die heute im Bild der Literaturgeschichte dominieren. Er wird zwar, wenigstens in der Schweiz, noch immer häufig und mit dem Gefühl des Außerordentlichen genannt, aber die Verehrung für ihn hat einen besondern Charakter. Sie spricht unwillkürlich in einem gutmütigen, nachsichtigen Ton. Das Bäurische, Mundartliche und künstlerisch scheinbar Sorglose dieses Dichters, dazu seine zeitliche Stellung in den nachklassischen und vorbürgerlichen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts haben etwas Unvertrautes, Ungeläufiges um ihn gewoben. Wer ihm den hohen Rang zubilligt, den Gottfried Keller ihm gab, der tut es so, als könne Gotthelf eigentlich nichts für seine Größe und sei vollendet, ohne es zu wollen. Schon Kellers Urteilen ist diese Leugnung einer letzten Verantwortlichkeit anzuspüren. Sie kommt nicht aus Absicht, sondern entspricht allerdings einer tieferen Wahrheit in Gotthelfs Wesen. Da er zudem eine politische Sprache führt, vor der sich die Parteigesinnung mit dem Schlagwort des Reaktionären behilft, weil sie die Verbindung bewahrender und zerstörerischer Kräfte nicht anders begreifen kann, ist seine wirkliche Erscheinung immer mehr in Vergessenheit geraten. Es ist so gut wie vergessen, weil nur noch theoretisch bekannt, daß unser Schrifttum in ihm den größten Vertreter des polemischen Zeitromans besessen hat, vergessen auch, welches Leben seiner Gegenwehr zugrunde lag. Er ist seit langem dem Eifer der Volkserzieher und Lokalhistoriker ausgeliefert, die aus ihm einen Popanz aus christlicher Moral und Heimatliebe gemacht haben, wie er als Wirkungsform eines Genies wohl einzig dasteht. Man lese daraufhin das Eröffnungsgedicht in Sutermeisters „Prachtausgabe", durch die sein Werk in der Schweiz erst volkstümlich wurde. Die Illustrationen eines Albert Anker haben das Ihre hinzugetan, um jeden Anschein dämonischer Tiefe aus seinem Bilde wegzuwischen. Der Ruhm .Kellers und C. F. Meyers überstrahlte sein Antlitz bis zur inneren Entfremdung, denn wo jene als höchste Erfüller geliebt wurden, konnte Gotthelf nicht bestehen. Eine geschichtliche Entwicklung trägt die Schuld an dieser Konstellation, aber auch daran, daß sie bereits wieder in Auflösung übergegangen ist. Der Kult, den die schweizerischen „Klassiker" und in ihnen die biirgerlich-epigonischen Ideale empfingen, hat heute seine Kraft verloren. Es ist keine Leere, die hinter seinem Zerfall sichtbar wird, sondern eine Ordnung höherer Werte. Keller verkörpert ein Jahrhundert, Gotthelf ein Jahrtausend. Dieses Schauspiel möge die Rechtfertigung dafür sein, daß ich seinetwegen die Zahl der Bücher um eines vermehre.
Es bestimmt auch die Methode dieses Buches. Sie wurde nicht mit Überlegung gesucht, sondern im Gegenstand gefunden, und ich weiß nicht, ob sie auf eine andere Erscheinung anzuwenden wäre. Der Blick des Lesers wird fortwährend durch Jahrhunderte fortgezogen, und er mag diese Fernen zuerst als übertrieben empfinden. Es gibt keine Begründung für sie als Gotthelf selbst, der solche Maße selbstverständlich fordert. Vielleicht liegt es an unserem heutigen geschichtlichen Gefühl, daß wir überhaupt bereit sind, auf so große zeitliche Distanzen einzugehen. Vergangenheit ist uns kein quantitativer Begriff, sondern eine seelische Dimension. Niemand, der an der Gegenwart teilhat, wird etwa behaupten wollen, daß das Mittelalter verschwunden sei. Es gibt ja noch Mönche, Kriege und Könige, und in Gotthelfs Welt gibt es noch weit mehr, was vorüber und doch vorhanden ist. Die Archäologie ist ein Weg zu ihm, und diese unbewußten Realitäten seines Werks nehmen bei näherer Betrachtung eine immer größere Macht und Fülle an. Damit ist auch schon eine andere Richtung angedeutet, die hier eingeschlagen wird. Sie ist durch gewisse Ergebnisse der modernen Psychologie bezeichnet, in denen ich eine unverlierbare Anregung für das Verständnis dichterischer Vorgänge erblicke. Ich nenne in erster Linie die Forschungen Sigmund Freuds, dessen Gesammelte Schriften in elf Bänden erschienen sind, und bin mir bewußt, was für Mißverständnisse ich damit ermögliche, obschon der Leser der Terminologie jener Untersuchungen nirgends begegnet. Er wird die Tragweite des Einflusses, den ich weiterhin durch die Namen C. v. Monakow und C. G. Jung umschreiben müßte, überhaupt nur soweit abzuschätzen vermögen, als ihm die wahren Tiefen vertraut sind, in die diese Versuche, das Wesen der Persönlichkeit zu fassen, hinabreichen. Sie werden heute im Streit der Vorurteile von allzu Wenigen wahrgenommen, da sie jenseits der zustimmenden oder ablehnenden Schlagworte liegen. Ich muß mich mit der Versicherung begnügen, daß meine Darstellung mit den vielzuvielen „Pathographien" der Psychoanalytiker so wenig zu schaffen hat wie mit den Lehrsätzen irgendeiner andern Schule, die für die Würdigung des Schöpferischen endgültige Begriffe zur Verfügung zu haben glaubt. Ich hatte ein in seinem Heimatboden besonders tief wurzelndes Genie mit dem ganzen Unterreich seiner Erscheinung auszuheben, und man wird die Vorbedingungen dieses Unterfangens am deutlichsten daran erkennen, daß ich lieber zu viel als zu wenig Erde mitgehoben habe.
Es hängt mit der Beschaffenheit Gotthelfs zusammen, daß seine Gestalt und sein Werk bisher nur selten umfassend dargestellt worden sind. Die erste Monographie veröffentlichte kurz nach seinem Tod der Berner Jurist Carl Manuel, der mit dem Dichter noch persönlich umgegangen war. Sein Buch über „Albert Bitzius (Jeremias Gotthelf), Sein Leben und seine Schriften" (Berlin 1857, als Schlußband der Springerschen. Gesamtausgabe) verdient ein dankbares Lob. Es ist die erste nach Vollständigkeit strebende Würdigung und als solche mit ungewöhnlichem Ernst und Takt geschrieben. Sie haben Manuel am allzu ausgiebigen Gebrauch der mündlichen und familiären Tradition gehindert, was wir bedauern müssen, weil sie bei Gotthelf ein großes Gewicht besitzen; auch ist die zweite Hälfte seiner Arbeit, die sich bemüht, den Dichter in das Gefüge der zeitgenössischen Literatur einzupassen, längst überholt. Der erste, eigentlich biographische Teil hat den Wert einer Quelle behalten; er ist 1922 bei Eugen Rentsch (ErlenbachZürich) in einem Neudruck erschienen. Die zweite Monographie stammt von Gabriel Muret, der sie 1912 in französischer Sprache der Universität Paris einreichte und 1913 im Buchhandel herausgab („Jeremie Gotthelf, Sa vie et ses ceuvres". Alcan, Paris). Sie ist umfangreicher angelegt und verwertet in manchem Abschnitt unveröffentlichtes oder entlegenes Material. Die literarischen Kapitel verfolgen kenntnisreich die Bahnen des intimeren zeitlichen Zusammenhangs, verlieren aber, wie es bei diesem Verfahren leicht geschieht, das Unvergleichbare allzu fühlbar aus den Augen. Eine zweite Arbeit Murets über „Jeremias Gotthelf in seinen Beziehungen zu Deutschland" (bei Georg Müller und Eugen Rentsch, München 1913) veranschaulicht zum ersten Mal Gotthelfs Wirkung auf die zeitgenössische deutsche Kritik und seinen Nachruhm in Deutschland. Murets Hauptwerk fußt im Wesentlichen auf den Forschungsergebnissen, die durch Ferdinand Vetter, den ersten kritischen Herausgeber, geschaffen wurden. Sie haben noch heute als Anfangsschritte in einem überaus schwierigen Gebiet ihre Autorität, obschon sie inzwischen vielfach berichtigt worden sind. Zuletzt hat Rudolf Hunziker eine kleinere, populäre Darstellung publiziert, die vor allem durch ihre biographischen Beiträge wichtig ist („Jeremias Gotthelf". In der Sammlung „Die Schweiz im deutschen Geistesleben", Huber & Co., Frauenfeld und Leipzig). Ihnen allen ist das vorliegende Buch stofflich verpflichtet.
Um wieviel mehr gilt dies von der großen kritischen Gesamtausgabe, die unter der Leitung von Rudolf Hunziker und Hans Bloesch im Verlag von Eugen Rentsch erscheint und heute mit der Bearbeitung der dichterischen Werke vor dem Abschluß steht. Durch sie ist eine Gotthelf-Forschung erst möglich geworden, da sie auch Entwürfe und Lesarten in bisher nicht versuchtem Umfang reproduziert. In ihren Anmerkungen und textvergleichenden Anhängen sind von verschiedenen Mitarbeitern reiche Materialien zugänglich gemacht und eine Unzahl schwer erreichbarer Daten zusammengetragen worden. Die Förderung dieses Werkes ist die Lebensarbeit Rudolf Hunzikers, der seit langem mit der Sammlung und Ordnung des zerstreuten Nachlasses beschäftigt ist. Auch diese Darstellung hätte ohne seine seltene Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit die Gestalt, die sie jetzt besitzt, nicht erhalten. Ich verdanke Herrn Prof. Hunziker die Überlassung fast aller unveröffentlichten Gotthelfschen Manuskripte, die in ihr verwertet sind, auf andere bin ich durch ihn aufmerksam geworden. Auf diese Weise konnten von mir die handschriftlichen Briefe an Carl Bitzius, Fetscherin, Baggesen, Feierabend, die Manuskripte und Briefe aus Gotthelfs Jugend und Vikariatszeit, die noch ungedruckte Novelle „Die Rotentaler Herren", die Zeitungsaufsätze und Predigten, der Briefwechsel mit der Familie aus dem Gurnigelbad und manches andere Stück benützt werden. Das Nähere ist in den Anmerkungen verzeichnet. Der Nachlaß war mir nach Belieben zugänglich, und ich habe auch dem Direktor der Berner Stadtbibliothek, die das GotthelfArchiv verwaltet, Herrn Dr. Hans Bloesch, für freundlichste Einführung und Auskunft zu danken. Die Pfarrämter von Lützelflüh, Utzenstorf und Herzogenbuchsee überließen mir die aus Gotthelfs Amtszeit stammenden Bände ihrer Chorgerichts-Manuale, weitere öffentliche und private Stellen unterstützten mich durch Mitteilungen. Ich spreche ihnen hier gleichfalls meinen Dank aus.
Es geht aus diesen Bemerkungen hervor, in welch fließendem Zustand sich die GotthelfForschung noch befindet. Noch immer ist hier die Herbeischaffung und Zubereitung des Materials das Haupterfordernis, eine Arbeit, die für so viele Geringere längst getan ist. Die deutsche Literatur hat keinen andern Schöpfer dieses Ranges so sehr sich selbst und den Händen der Liebhaber überlassen. Ein Grund dafür liegt im Gegenstand selber, der nichtschweizerische Philologen von dieser Bewältigung ausschloß. Es ist eine scheinbar abnorme, in Wahrheit sinnvolle Tatsache, daß diese stoffliche Bemühung erst heute an Gotthelf vollbracht wird. Er fordert der Wissenschaft noch einmal die elementare Aufgabe ab, und diese Situation mit ihren erschwerenden Begleitumständen ist wie ein äußeres Merkmal dafür, daß er heute wieder berufen scheint, uns zu. den Ursprüngen des Dichterischen zurückzuführen.
INHALT
LANDSCHAFT
BITZIUS 24
PRIESTER . 120
MUTTER ERDE 182
WIEDERGEBURT 226
SAGE . 261
MYTHUS 298
RICHTUNG 347
POLITIK 364
REALISMUS 403
SPRACHE 435
KUNST
BILDNIS 500
JEREMIAS . 528
ANMERKUNGEN 545
REGISTER . 562
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