Rossi .:. Utopie und Experiment

155627
Rossi, Giovanni, Utopie und Experiment. Berlin 1979.
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Beschreibung
Rossi, Giovanni,
Utopie und Experiment. 1. Ausgabe. Berlin: Kramer, 1979. XLVI, VII, 324 Seiten mit Abbildungen. Klappenbroschur. Kleinoktav. 330 g
* Bibliothek der Utopien. - Enthält u.a. den Reprint der Ausgabe: Rossi, Giovanni, Utopie und Experiment. Studien und Berichte. Zürich: A. Sanftleben, 1897. https://buchantiquariat.com/144172-rossi-utopie-und-experiment.htm
Bestell-Nr.155627 | ISBN: 3-87956-057-9 | 978-3-87956-057-8
Rossi | Philosophie | Utopien | Utopia | Soziologie | Anarchismus | Bibliothek der Utopien | Reprint
https://comenius-antiquariat.ch/buch/155627.html

I. Zu diesem Buch
„Sozialismus — Liebe — Freiheit — Arbeit." In der Zeit von 1887 bis 1893 wurde in Italien ein sozialistisches Gemeinwesen „Cittadella" und (später) in Brasilien die anarchistische Kolonie „Cecilia" gegründet und aufgebaut.
Giovanni Rossi, einer der Aktivsten, beschreibt in den von Alfred Sanftleben zusammengetragenen Berichten, Briefen, Kritiken und theoretischen Überlegungen die Schwierigkeiten, Motivationen, Erfolge und Niederlagen jener zwei Versuche, neue Arbeits- und Lebensformen zu entwickeln, die befreit sein sollten von Konkurrenz, Ausbeutung, Unterdrückung, psychischen Verwundungen und sexuellen Verkrüppelungen.
Das Experiment, die Utopie aus der Zukunft zu lösen, sie an die Gegenwart zu binden, wird in dem Buch „Utopie und Experiment" detailliert dargestellt. Die Hoffnung an die Möglichkeit, daß sich der Mensch sozial und moralisch erneuern könne, war eines der tiefgreifendsten Motive all jener sozialistischen Siedlungsversuche, die besonders im 19. Jahrhundert überall entstanden.
Unwidersprochen blieben diese Aktivitäten innerhalb der sozialistischen und anarchistischen Bewegungen nicht. So spricht z. B. C. Timmermann in der Most'schen „Freiheit" von einem „kommunistischen Koloniegründungsbazillus", diskutiert das Problem der Isolierung der Kolonien von der Gesellschaft und ruft im Namen der Industriearbeiter. „Nein, wir Industriearbeiter haben ein anderes Feld zu bestellen, einen anderen Boden zu beackern als den einer Farm; wir haben den Boden der Gesellschaft umzupflügen und zu besäen." Auch Johann Most ist kritisch und distanziert, glaubt allenfalls, daß die sozialistischen Kolonien eine halbwegs florierende „Partnerschaftsfarm" werden können, niemals aber eine Basis, von der aus die Zerschlagung der bestehenden Verhältnisse möglich sein wird. Selbstverständlich fließen in die kritischen Anmerkungen auch zutreffende Beurteilungen mit ein. Georges Montargueil urteilt über die Siedlungsversuche: „Das war ein Irrtum von Cabet, von Fourier, von Considerant, daß sie an die rationelle Experimentierbarkeit einer Idee geglaubt, die realisiert zu werden den moralischen Umguß der ganzen alten Gesellschaft erfordert." Vorurteile, Diffamierungen, Fehleinschätzungen und die Widerspiegelung der Ängste mancher Kritiker umgeben die Experimente, die alternativen Lebens- und Arbeitsformen.
Giovanni Rossi geht auf die vielfältigen Einwände, berechtigten wie unberechtigten Kritiken ein, umreißt den Sinn, die Aufgabe, das Warum der sozialistischen Siedlungsgemeinschaften u. a. wie folgt:

„Wir befanden uns in einem geschichtlichen Momente der sozialistischen Agitation. Die durch das persönliche Interesse bestimmte und beherrschte Produktion hat als einziges Mittel und zum alleinigen Endzweck das Privateigentum. Dessen zerstörenden verhängnisvollen Folgen setzten die Sozialisten die willkürliche Produktion vermittels des Kollektivkapitals gegenüber. Aber diesen Vorschlägen stellt das konservative Proletariat die Unfähigkeit des Menschen zur Arbeit gegenüber, wenn er nicht durch ein ausschließlich persönliches Interesse bestimmt wird. Hieraus entsprang für uns die Notwendigkeit oder das Übereinkommen, experimentell in diesem Sinne die menschlichen Fähigkeiten zu studieren, um dann deren genaue Erkenntnis auf die Bestimmung der mutmaßlichen sozialen Veränderungen auf dem Felde der ökonomischen Betätigung nutzanwendend zu übertragen. ... Die moderne soziale Bewegung stellt dem Staate die Anarchie gegenüber, aber das konservative Proletariat antwortet, der Mensch könne nicht ehrlich leben, ohne daß das Damoklesschwert des Gesetzes über allen baumle, als permanentes Schreckgespenst, als ewige Drohung.
... Hieraus entsprang das Übereinkommen der Propaganda, experimentell zu untersuchen, wie Menschen zusammenleben würden, einfach geleitet durch die freie Vereinbarung ..."

Im Gegensatz zur Produktionsgenossenschaft „Cittadella" mit ihren detaillierten Statuten, Arbeitszeiten, Entlohnungen usw. wurden in „Cecilia" nach freier Übereinkunft alle notwendigen Arbeiten „organisiert", wurden die zwischenmenschlichen Probleme eindringlicher diskutiert, wurde das Problem der „freien Liebe" * zwar nicht gelöst, aber der Ernst (teilweise allerdings auch die Komik), mit dem versucht wurde, das „Eigentumsrecht in der Liebe" abzuschaffen, die Versuche, Eifersucht, Neid, das Leiden aus der Unerträglichkeit in ein solidarisches und humanes Verstehen, Verändern umzuwandeln, sind für uns heute von Aktualität, und wir müssen zugeben, daß die Genossen von „Cecilia" in ihrer unmittelbaren Lebenspraxis einen Kampf geführt haben, dessen Inhalte und Probleme heute ebenso nach einer Lösung verlangen wie vor beinahe hundert Jahren. Giovanni Rossi: „Die Freiheit der Liebe gehört in die Kategorie der körperlichen Freiheiten, die die wichtigsten, notwendigsten und am schwersten unterdrückbaren sind."
In der Kolonie „Cecilia" lebten zeitweise bis zu 200 Menschen zusammen, teilweise als Familien, andere als Gruppen. Rossi führt die Hauptschwierigkeiten in der Kolonie auf die noch bestehenden Familien zurück: „Verschiebt die Gebräuche, verändert die Namen soviel ihr wollt; unterdrückt sogar die einen oder anderen; solange ihr aber einen Gatten, eine Gattin, Kinder und ein Haus habt, werdet ihr auch eine Familie haben, d.h. eine kleine autoritäte Gesellschaft, eifersüchtig in ihren Privilegien, ökonomisch eine Rivalin der großen Gesellschaft; werdet ihr kleinere von den Stärkeren tyrannisierte Territorien haben, eng umgrenzte Bannkreise, innerhalb deren sich die Liebe in ihren verirrtesten und schmerzlichsten Manifestationen zeigt, von der Eifersucht bis zum Verbrechen."

* Rossi lehnt diesen Begriff an sich ab und möchte stattdessen lieber „freie Vereinigung" setzen.
Inhalt
I. Zu diesem Buch IX
II. Bedarf XIII
III. Von der Gesellschaft zur Gemeinschaft XV
IV. Schweigen wir (zu allem) XX
V. Unsere Sache ist diese Gesellschaft nicht XXII
VI. Kommt heraus aus euren Löchern XXV
VII. Geschichte oder Prophetie? XXXI
VIII. Tischlein-deck-dich oder Die freiwillige Knechtschaft XXXII
IX. Arbeit und Kolonisierung im Brasilien des XXXVII 19. Jahrhunderts
X. Brief von Rossi an Sanftleben XLI

Vorbemerkungen, von Slovak 5
Biographische Skizze, von Sestilio Rossi, 8

I. Ein socialistisches Gemeinwesen. Utopie von Dr. Giovanni Rossi (Cärdias) 1-63 Besprechung in der „Critica Sociale", von Filippo Turati 2 Erster Teil: Propaganda 3 Zweiter Teil: Organisation 31

II. Cittadella, bei Stagno Lombardo, Provinz Cremona. Ein kollektivistisches Experiment 65-94 Organisches Statut 67 Cittadella, aus „Socialismo pratico", von Dr. Giovanni Rossi 77 Cittadella, Auszug aus dem Protokollbuch, von Dr. Giovanni Rossi 84 Cittadella, Bilanz: 1887-1888 und 1888-1889, von Dr. Giovanni Rossi 90 Brief von Luigi Molinari (Leonida Bissolati) 92 Brief von Ettore Guindani 93

III. Cecilia, bei Palmeira, Paranä, Brasilien. Ein komunistisches Experiment 95-265 An die kommunistischen Kolonie-Phantasten, von C. Timmermann 97 Johann Most zur Kolonisationsfrage 102 Krapotkin und die Kolonisation 105 Widmung, von Slovak 111 Die Kolonie Cecilia 1891, von Dr. Giovanni Rossi 113 Wer hat gute Bücher zu vergeben? Von Filippo Turati 161 Die Geschenke für die Kolonie Cecilia, von Filippo Turati 165 Brief vom 12. Januar 1893, von Giovanni Rossi 166 Brief vom 22. Dezember 1892 aus dem „Diario-do Comercio", Curityba 170 Brief vom 8. Dezember 1892 von A. Capellaro 170 Die Frauen und die Anarchie, von Francois Coppee 174 Reise nach Ikarien, von Georges Montorgueil 178 Aktualität, Artikel aus„L'Eclair", Paris 183 Kritik aus „Journal des Economistes", Paris, von Rouxel 187 Anarchistische Kolonisation, von Jean Grave 187 Promiskuität, von Dr. Giovanni Rossi 192 Cecilia 1893, von Dr. Giovanni Rossi 193 Die freie Liebe in Cecilia, von Dr. Giovanni Rossi 218 Ein Brief vom 14. Juli Ein Brief aus dem Leserkreis des „Socialist", Berlin 248 Erklärung von Slovak 248 Daten von Errico Malatesta und Felix Hebert 249 Brief vom 14. Juli 1894, von Dr. Giovanni Rossi 251 Brief vom 10. Januar 1896, von Dr. Giovanni Rossi 256 Brief vom 6. April 1896, von Dr. Giovanni Rossi 259 Brief vom 18. April 1896, von Dr. Giovanni Rossi 262 Brief vom 14. Juli 1896, von Dr. Giovanni Rossi 263 Brief vom 14. Januar 1897, von Dr. Giovanni Rossi 265

IV. Der Parana im XX. Jahrhundert. Utopie von Dr. Giovanni Rossi (Cärdias) 267-307 Der Paranä im XX. Jahrhundert 269 Vision eines Betrunkenen, von ihm selbst erzählt 275

V. Ergänzungen und Nachträge zu pag. 113,166,173 309-322
Errata 324
Biographische Notizen über den Verfasser.
Giovanni Rossi ist am 11. Januar 1855 als Sohn des Rechtsafiwaltes Tito Rossi und der Carolina Baldi in Pisa geboren. Er studierte Tierarzneikunde auf der Universität von Perugia und erwarb 1874 seinen Doktortitel. Bis zum Jahre 1882 praktizierte er in Montescudaio, einem kleinen toskanischen Dorfe, und gerade in dieser Zeit widmete er sich tiefgehenden Studien und einer unermüdlichen Propaganda.
Am 26. November 1878 wurde er verhaftet wegen — so sagt die Anklageschrift -- „Teilnahme an einer ausgedehnten Association, welche zum Zweck hat, die geheiligte Person des Königs anzugreifen, die Regierung und die Staatsinstitutionen zu zerstören und umzustürzen, Verwüstung, Plünderung und Gemetzel anzurichten etc. etc.", und am 30. Juli des folgenden Jahres freigelassen.
Er verfasste beachtenswerte veterinäre und landwirtschaftliche Schriften, welche die Schätzung und das Lob vieler Fachgebildeten errangen. Dann war er Tierarzt in Gavardo (Provinz Brescia) bis zur Begründung der landwirtschaftlichen Kolonie in Cittadella.
Das ist in wenigen Worten die bescheidene Laufbahn meines Bruders während seines Aufenthaltes in Italien, ein bescheidenes obskures Leben, weil ihm jegliche Eitelkeit fehlte. Wenn Sie, S., Giovanni persönlich kennen würden, hätten Sie sich davon überzeugen können, dass er ein durchgebildeter und eleganter Redner ist ; als solcher bewies er sich stets in den vielen von ihm in Italien gehaltenen Vorträgen.
Sehen Sie, bitte, diese meine Zeilen durch und verbessern Sie sie; denn wenn ich auch sein Bruder bin, so habe ich doch nicht das Glück gehabt, ein solches Hirn wie er zu erhalten. Empfangen Sie, werter Freund, einen Händedruck, mit dem ich verbleibe
Ihr Sestilio Rossi.
Montescudaio (Toscana), den 27. November 1896.
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