Bäschlin, Conrad,
Betrachtungen über die Entstehung, den 600jährigen Bestand und die Zukunft der Eidgenossenschaft. Bern: Stämpfli, 1932. 71 Seiten, Fraktursatz. Broschur. 120 g
* Leicht gebräunt, Name auf dem Titelblatt.
Bestell-Nr.156456
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Schweiz |
Switzerland
Einführung.
Es geht uns wohl allen ähnlich: Da sitzen wir in Unserer schönen
Schweiz, die vom grossen Weltsturm bewahrt blieb· Wir fragen:
Wieso, weshalb? Man beneidet uns, daß wir Schweizer sind, und
uns kommt es oft selbst wie ein Traum vor. Und wir fangen an zu
fragen: Wie kommt es, dass es Schweizer gibt? Wie entstand diese
Schweiz? Was sicherte ihren bisherigen Bestand? Wie wird es
mit ihr in Zukunft gehen? Und diese letzte Frage ist keine Frage des
Prophezeiens, sondern der verantwortlichkeit Und des Weges nach
dem Ziel.
Es ist gewisz gut, einmal diese Fragen nach Entstehung, Bestand
und Weiterlauf zu überlegen.
Es wird dazu dienen, in manchem Klarheit zu suchen und dann :
für den Weiterlauf Bestimmteres zu erfassen. Das tut uns in der
Gegenwart vielleicht besonders not, da so viel Auflösendes wirkt,
da es als rückständig gilt, nach Entstehung und Gründen des Bestandes zu fragen und da nur das sogenannte Fortschreiten anerkannt ist, wobei noch fraglich erscheint, ob dieses Fortschreiten nach vorn und oben führt, wenn es mit Bewußtsein vom Bisherigen und Gewesenen absieht, ja es verleugnet.
Es ist freilich eine Last, die ganze vergangenheit mitzuschleppen,
und oft erfüllt uns der Wunsch nach (Geschichtslosigkeit, weil uns
dann das Fortschreiten leichter erschiene. Es ist beschwerlich,
mit so viel Tradition behangen zu sein. Oft erscheint uns der
jetzige Zustand, auf den so viel internationale, pazifistische und altruistische Gedankenschwärme eindringen, eine babylonische Sprachenverwirrung. Besonders den Jüngeren unter uns macht es viel
zu schaffen, ob es auch recht sei, die Nationalität neben den vielen
allgemein-menschlichen Forderungen des Tages und der Zeit bewuszt
aufrecht zu erhalten. Viele meinen, man müsse sie jetzt preisgeben
und der Allgemeinheit ein schweres Opfer bringen, und dies Opfer wirke dann wie jenes allergrößte auf Golgatha. — Aber gerade mit
solcher Meinung beginnt die Folgerichtigkeit verrückt zu werden. In solchem Denken und Wollen äußern sich Selbstüberschätzung und
falsch verstandene Weltflucht. Weltflucht aber ist nicht unsere
Aufgabe, sondern umgekehrt verweilen in der Welt, bis wir den
Lauf vollendet haben. Daß dies verweilen nicht vor allem beharrlich, sondern vorab beweglich gedacht ist, also zwischen Beharrung
und Bewegung eingespannt ist, versteht sich von selbst.
Die Entstehungszeit umfaßt nicht nur die ersten Jahrzehnte,
sondern die Zeit von den Anfängen bis zirka 1516, bis nach der
Schlacht bei Marignano. Erst in jener Zeit ist die heutige Schweiz
beisammen. Es handelt sich da um einen Zeitraum von 250 Jahren.
Nachher kann nicht von einem 600jährigen Bestand gesprochen
werden, sondern von einem Weiterexistieren bis heute, also von
einem 400jåhrigen Bestand.
Von da aus kann dann das »Wohin?« als Letztes betrachtet
werden, wobei selbstredend alles auf dem vorhergehenden, sowohl
der 400 Bestandes- als der 250 Entstehungsjahre beruhen muß,
so daß unsere Betrachtungen sich so folgen:
I. Über die Zeit des Entstehens 1250—1516.
II. Über die Zeit des Bestandes von 1516 bis heute.
III. Ergebnisse für Gegenwart und Zukunft aus der Entstehungs- und Bestandszeit bis heute.
Die Betrachtungen wurden für einen Ferienkurs des
Evangelischen Schulvereins des Kantons Bern in Iseltwald, 1925,
geschrieben. Sie erschienen, etwas erweitert, in den Mitteilungen der
Neuen Mädchenschule in den Jahrgängen 1929, 1930 und 1932.
Für den ersten Ferienkurs der Neuen Mädchenschule werden sie nun
herausgegeben. Die Zitate stammen aus dem 1925 erschienenen Buch von Hermann Weilenmann »Die vielsprachige Schweiz« (Jm Rheinverlag, Basel-Leipzig), aus dem auch sonst mancher Gedanke genommen ist. Mögen die Betrachtungen freundliche Aufnahme finden.
Neue Mädchenschule Bern, im September 1932.
- Der Direktor.