Toller, Ernst,
Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts. 7.-11. Tausend. Potsdam: G. Kiepenheuer, 1922. 82 Seiten. Broschiert. 200 x 133 mm.
* Stark gebräunt, Umschlag lichtrandig, angestaubt und mit Rissen, Besitzvermerk auf dem Titelblatt.
Bestell-Nr.161594
Toller |
Deutsche Literatur |
Theatertexte |
Dramen |
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Raeterepublik
Ernst Tollers «Masse Mensch» gilt als eines der zentralen Werke des literarischen Expressionismus und als wegweisendes Dokument des politischen Theaters der Weimarer Republik. Das Drama entstand 1919 in nur wenigen Tagen während Tollers Festungshaft in Niederschönenfeld, die er aufgrund seiner führenden Rolle in der Münchner Räterepublik verbüsste. Unter dem programmatischen Untertitel «Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts» verarbeitete Toller seine unmittelbaren Erfahrungen mit dem Scheitern der revolutionären Erhebungen und dem damit verbundenen moralischen Dilemma.
Inhaltlich thematisiert das Werk in sieben visionären Bildern – sogenannten Stationen – den unauflösbaren Konflikt zwischen dem Individuum und der Kollektivgewalt. Im Zentrum steht die Figur «Die Frau» (Sonia), eine Intellektuelle aus bürgerlichem Hause, die sich auf die Seite der Arbeiterschaft schlägt. Sie propagiert den gewaltlosen Streik als Mittel zur Befreiung. Ihr tritt «Der Namenlose» entgegen, der die gesichtslose Masse verkörpert und Gewalt als notwendiges Instrument der Revolution legitimiert. Dieser Zusammenprall führt zur tragischen Niederlage der Menschlichkeit: Die Revolution versinkt im Blutvergiessen, und die Protagonistin wählt schliesslich lieber den Tod durch das Erschiessungskommando, als ihre ethischen Grundsätze zu verraten und durch die Flucht neue Gewalt zu provozieren.
Formal bricht das Stück radikal mit den Konventionen des realistischen Theaters. Toller nutzt den für den Expressionismus typischen Telegrammstil, eine ekstatische, rhythmische Sprache und verzichtet auf individualisierte Charaktere zugunsten von Typen- und Symbolfiguren. Realistische Szenen wechseln sich mit traumartigen Visionen ab, was die innere Zerrissenheit der Figuren verdeutlicht. Die vorliegende Ausgabe aus dem Jahr 1922 dokumentiert die enorme Breitenwirkung des Textes kurz nach der gefeierten Berliner Inszenierung durch Jürgen Fehling, die das Stück weltweit bekannt machte. Bis heute bleibt «Masse Mensch» ein zeitloses Mahnmal gegen die Entmenschlichung in politischen Ideologien und eine tiefschürfende Reflexion über die Frage, ob ein guter Zweck jemals schlechte Mittel heiligen kann.