Schnyder, Otto,
Welt und Wirken. Versuch einer Grundlegung der Philosophie. Zürich : Orell Füßli, 1916. 429 Seiten. Broschur. Grossoktav. 702 g
* Gebräunt, Umschlag lichtrandig und mit Rissen, Deckblätter lose.
Bestell-Nr.156483
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Inhalt.
Seite
Vorrede 5
Einleitung 9
Erstes Buch:
Die Welt. Darstellung des Seienden 18
Zweites Buch:
Das Wirken. Darstellung des Seinsollenden 261
Drittes Buch :
Die Welt und das Wirken. Darstellung des Verhältnisses von Sein
und Seinsollen 347
Schluss 425
Vorrede.
Als ich mich mit der Ausarbeitung meiner Gedanken über
Recht, Moral, Kunst, Religion und andere Gegenstände beschäftigte, wurde mir klar, daß Einzelfragen nur im Rahmen der großen
Zusammenhänge erschöpfend und befriedigend gelöst werden können.
Ich entschloß mich daher, meine Einzeluntersuchungen vorläufig auf sich beruhen zu lassen und eine Auffassung vom Ganzen
der Dinge zu suchen, auszubauen und darzustellen.
Vorliegendes Buch ist das Ergebnis meines Strebens und meiner Bemühungen, eine Gesamtauffassung von Welt und Wirken zu
gewinnen und auszugestalten.
Ich will nun kurz auseinandersetzen, wie dieses Buch gelesen
werden muß, wenn es verstanden werden soll.
Mein Buch will Darstellung einer Philosophie sein. Philosophie aber ist meines Erachtens stofflich und formal totales Vorstellen in begrifflich-grundsätzlicher Form. Mein Buch will daher
einmal Vorstellung mitteilen, Vorstellung aber, die sich von anderer Vorstellung durch ihre Ganzheit unterscheidet. Diese Ganzheit ist eine doppelte: Nicht ein einzelner Gegenstand, nicht mehrere Gegenstände, alle Gegenstände, die immer Inhalt von Vorstellung sein können, werden vorgestellt, betrachtet, angeschaut,
begrifflich und grundsätzlich bearbeitet. Und nicht die Vorstellung
schlechthin, nicht einzelne Beziehungen des Vorstellens sind hier
am Werke, das Vorstellen tritt in allen seinen Beziehungen an die
Gegenstände heran und unterwirft sie seiner feststellenden und
ordnenden Tätigkeit. Zu diesen Merkmalen des philosophischen
Vorstellens, die dem Blicke ein ungeheures Arbeitsgebiet eröffnen,
kommen zwei weitere, die das Arbeitsgebiet einschränken. Die
Philosophie betrachtet die Dinge nicht in der Form der Anschauung,
des Bildes aus Fülle und Farbe, sie betrachtet sie vielmehr in Form
des Begriffes, der, aus wenigen Merkmalen bestehend, einen Gegenstand nach Inhalt und Umfang abgrenzt. Allein es kann nicht
Aufgabe der Philosophie sein, alle möglichen Begriffe von allen
möglichen Gegenständen zu nennen, sie muß sich vielmehr damit
begnügen, die obersten Begriffe klar zu machen und durch sie
nicht nur die Einzelgebiete für sich zusammenfassen, sondern
auch die Einzelgebiete zu einander in Beziehung zu setzen und
zum Ganzen zu vereinigen.
Mein Buch will eine Grundlegung der Philosophie sein. Es
will also nicht stofflich und formal totales Vorstellen in begrifflich
grundsätzlicher Form schlechthin, sondern nur die Grundsätze
dieses Vorstellens liefern; es wählt aus der Schicht der obersten,
das Ganze umfassenden und ordnenden Begriffe, die höchsten aus
und ordnet sie zu einem System. Die Folge davon ist, daß das Einzelne in seiner Bedeutung als Einzelnes zurücktritt, daß aber das
aus dem Einzelnen aufgebaute Ganze deutlich und klar als Ganzes
erscheint.
Die Darstellung philosophischen Vorstellens in grundlegender
Form ist eine so gewaltige Aufgabe, daß mein Buch nicht mehr
als Versuch einer Grundlegung der Philosophie sein kann.
In diesem Zusammenhang will ich noch bemerken, daß die
Darstellung der Welt auf den anerkannten Ergebnissen der Einzel
wissenschaften beruht. Die Ergebnisse der Einzelwissenschaften
sind aber nicht ihrer selbst wegen da und ihre Darstellung hat
nicht die Bedeutung einer Mitteilung von Tatsachen der Einzelwissenschaften, sie sind vielmehr Voraussetzung, Grundlage der
philosophischen Betrachtung, sie gelten als Teile im Ganzen, als
Bausteine im Bauwerk des philosophischen Systems.
Bei der Darstellung meiner Philosophie beschränke ich mich
darauf, meine Gedanken in zusammenhängender Form vorzutragen. Ich unterlasse es mit Absicht, Werke der Einzelwissenschaften
oder der Philosophie zu zitieren. Die Tatsachen der Einzelwissen
schaften, auf die ich mich stütze, sind so sehr Gemeingut der
Wissenschaft, daß sie in jedem Handbuch der Einzelwissenschaften zu finden sind; ich kann daher füglich darauf verzichten, meine
Quellenwerke zu nennen. Die philosophische Literatur kann zur
Stütze der eigenen Meinung oder zur Polemik herangezogen werden. Ich bemühe mich jedoch, meine Meinungen nicht durch
fremde Ansichten, sondern durch Gründe zu stützen. Ich finde
sodann, daß Polemik, abgesehen von ihrer allgemeinen Unfruchtbarkeit, meine Darstellung nur stören und unnötig erweitern
müßte. Ich darf daher meines Erachtens mit Recht auch auf das
Zitat philosophischer Schriften verzichten.
Es ist mein Bestreben, meine Gedanken so zu gestalten, daß
sie die Grundlage einer gewissermaßen juristischen Interpretation
bilden. Gerade deswegen kann ich vielfach darauf verzichten, die
Gedankenfäden, die das Einzelne untereinander und zum Ganzen
verbinden, nachzuweisen, und es dem Leser überlassen, die Zusammenhänge selbst herzustellen; ich kann auch darauf verzichten, die Anwendung der Grundsätze auf den einzelnen Gegenstand der Erfahrung zu vollziehen, und es ebenfalls dem Leser überlassen, auf
dem Wege der Deduktion die Bedeutung des Einzelnen festzustellen.
Ich bemühe mich, meine Gedanken deutsch auszudrücken. Die
Wörter und Wendungen, die durch den Druck hervorgehoben werden, haben terminologische Bedeutung. Sie sollen in gleichem
Sinne in meinen folgenden Schriften verwendet werden.
Die Darstellung eines ganzen Gedankensystems in einer Form,
die allen Prüfungen strengster Interpretation standhält, ist eine
so hohe Aufgabe, daß meine Arbeit auch in dieser Hinsicht Versuch bleiben muß.
In diesem Zusammenhang will ich noch darauf aufmerksam
machen, daß ich die Gliederung des Stoffes nach Kapiteln, Abschnitten usw., wie auch durch ein Inhaltsverzeichnis mit Absicht
unterlasse. Die Ordnung der Gedanken, die ich als nötig erachte,
wird durch die Einteilung in drei Bücher, sowie durch Hervorhebung der Gedankenabschnitte im Druck, in Absätzen verschiedenen Grades, bewirkt. Die Bedeutung meines Buches liegt nicht so
fast im Einzelnen als vielmehr im Ganzen. Es soll daher nicht
Nachschlagewerk, sondern Gegenstand zusammenhängender Lektüre sein.
Die Lehren, die ich in diesem Buche vortrage, bedürfen sowohl
der Stütze als des Ausbaus. Denn viele, ja die meisten Lehren sind,
mit Absicht und im Interesse des Ganzen, so kurz behandelt, daß
wohl ihr systematischer Ort gegeben, nicht aber ihr Wesen erklärt
ist. In meinem Schreibtisch liegt eine große Anzahl von Abhandlungen, deren Einordnung in mein Werk mir des Zusammenhangs und der Ebenmäßigkeit wegen nicht tunlich erschien. Und in meinem Kopf ist Ueberfülle an Plänen, die ich in nächster Zeit
verwirklichen will.
Das Ideal denkerischen Strebens, das mir vorschwebt, ist die
Beleuchtung aller Gegenstände durch das Licht meiner Philosophie,
die begriffliche Ausprägung des Einzelnen und dessen Zusammenfassung zum Ganzen, kurz der Aufbau eines lückenlosen Systems meiner Philosophie. In einem langen, dem Denken und Darstellen gewidmeten Leben hoffe ich diesem Ideale nahe zu kommen.
Luzern, den 1. Januar 1913.
Dr. OTTO SCHNYDER.
Im HBLS finde ich den Eintrag (Bd. VI, S.225) Schnyder Otto, Dr. jur., 24. I. 1884 - 20. XI. 1923, Anwalt in Luzern, Schriftsteller.